Neue Lesung: Revolution 1918/19 in Bremen

Revolution 1918/19 in Bremen.
„Das ganze Deutsche Reich steht heute gegen uns…“

Das Jahr 1918 markiert in unserer Erinnerungskultur nicht nur das Ende des Ersten Weltkriegs, sondern auch den Beginn der ersten deutschen Demokratie. Diese Umbruchszeit steht im Mittelpunkt der neuen szenischen Lesung aus der Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“: Revolution, Räterepublik und Konterrevolution prägen die Jahre 1918 und 1919 – auch in Bremen. Worum geht’s?

9. November 1918: Der Arbeiter-und Soldatenrat Bremens erklärte: „Was hat sich ereignet? Nichts Geringeres als eine Revolution.“ Ihr Ziel sei die Aufhebung jeder Art von Unterdrückung, die sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Rasse richte, und der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft.

12. November 1918: In dem Aufruf des Rats der Volksbeauftragten in Berlin an das deutsche Volk wurden verschiedene – heute selbstverständliche – (sozial)politische Reformen verkündet: uneingeschränktes Vereins-und Versammlungsrecht; Abschaffung der Zensur; freie Meinungsäußerung; Achtstundentag; allgemeines, gleiches, geheimes, direktes Wahlrecht für Männer und Frauen.

15. November 1918: Der Arbeiter- und Soldatenrat hat die Ausübung der politischen Gewalt im Bremer Staatsgebiet übernommen: „Senat und Bürgerschaft bestehen nicht mehr“.

Nach einem überwiegend friedlichen Beginn der Revolution eskalierte nur knapp drei Monate später die Gewalt auch in Bremen, als die Division Gerstenberg zusammen mit dem Freikorps Caspari in die Hansestadt einmarschierte. Mindestens 83 Frauen, Kinder und Männer kamen während der Kämpfe am 4. Februar 1919 ums Leben. Einen Tag später informierte die von der Reichsregierung eingesetzte provisorische Regierung die Bevölkerung Bremens, dass alle Räte abgeschafft seien.

In der szenischen Lesung werden wichtige Stationen dieser Entwicklung aus der Sicht der verschiedenen Akteur*innen vorgestellt und die Auseinandersetzung zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum bis zu den „Stacheldraht-Ostern“ verfolgt.

 

Szenische Lesung mit der bremer shakespeare company

26. November 2018 (Premiere)
28. November 2018
3. Dezember 2018
19.30 Uhr | Theater am Leibnizplatz

16. Dezember 2018
18.00 Uhr | Theater am Leibnisplatz
Anschließend Diskussion mit Prof. Mark Jones (Dublin)

20. Januar 2019
18.00 Uhr | Theater am Leibnisplatz
Anschließend Diskussion mit (N.N.)

Karten
13 Euro | 6 Euro erm.
bremer shakespeare company
www.shakespeare-company.com
Tel.: 0421 500 333

 

Gastspiel im Centrum Judaicum (Berlin)

Wie gehen deutsche Behörden mit Geflüchteten um? Und wie wir über sie in der Öffentlichkeit berichtet? Diese Fragen sind seit einigen Jahren omnipräsent – wieder einmal. In unserer Lesung „Geflüchtet, unerwünscht, abgeschoben – ‚Lästige Ausländer‘ in der Weimarer Republik“ aus dem Jahr 2016 gehen wir der staatlichen und medialen Stereotypisierung und Stigmatisierung in der ersten deutschen Demokratie auf den Grund. Wir freuen uns sehr, dass wir nun mit der höchst aktuellen Inszenierung von der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum zu einem Gastspiel nach Berlin eingeladen wurden.

Die szenische Lesung findet am Montag, 15. Oktober 2018 um 18 Uhr im Großen Saal statt. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten: presse@centrumjudaicum.de oder Tel.: 030/ 88028316. Einlass ist ab 17 Uhr, Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburgerstraße 28-30, 10117 Berlin.

Der Flüchtlingsbewegung aus Osteuropa nach dem Ersten Weltkrieg begegnen weite Teile der deutschen Politik und Gesellschaft ablehnend – auch in Bremen. Forderungen nach Schließung der Grenzen, nach Abschiebung von Flüchtlingen oder Einrichtung von Internierungslagern werden immer lauter, das Reden über »Ausländerflut«, »Überfremdung« und »lästige Ausländer« ist weit verbreitet. Wer ist »nützlich« und darf bleiben, wer ist »lästig« und muss gehen? Diese Zuschreibungen entscheiden über die Zukunft der Geflüchteten.

Die Lesung präsentiert Dokumente, die einen Einblick vermitteln in die Debatte über die Zuwanderung aus Osteuropa. Sie zeigen, wie der Bremer Senat Ausweisungen und Abschiebungen von Geflüchteten praktiziert hat. Auch der Umgang mit den russisch-jüdischen Familien, die Ende 1923 in der Hansestadt strandeten, als die USA die Erfüllung der Quote für solche ImmigrantInnen verkündeten, wird dokumentiert.

Neues Projekt: „Keine Zuflucht. Nirgends.“

MS St. Louis im Hafen von Havanna

„Während die Europäer geradewegs gen Evian schlafwandeln, sollten sie wenigstens wissen, dass sie es tun. Und eine vereinte Anregung zum Aufwachen unternehmen.“ (Göran Rosenberg: Flüchtlinge aus Deutschland, in: Tagespiegel, 25.8.2015)

Keine Zuflucht. Nirgends: Im Juli 1938 können sich Delegierte von 32 Staaten auf der von Präsident Roosevelt initiierten Konferenz in Evian nicht auf die Aufnahme von 500.000 deutschen und österreichischen Staatsbürger*innen jüdischen Glaubens einigen. Über das Versagen der Staatengemeinschaft berichten viele Journalisten und Vertreter*innen jüdischer Organisationen wie zum Beispiel Golda Meir.
Neun Monate später, am 13. Mai 1939, legt die MS St. Louis vom Hamburger Hafen ab. An Bord sind 937 jüdische Kinder, Frauen und Männer. Ihr Ziel: Havanna. Doch nach ihrer Ankunft am 27. Mai verweigert ihnen die kubanische Regierung die Einreise. Am 2. Juni nimmt das Schiff nach erfolglosen Verhandlungen des Kapitäns Gustav Schroeder Kurs auf Miami. Ein paar Tage später erklären auch die USA, dass sie für die Geflüchteten verschlossen bleiben. 6. Juni: Letzter Ausweg ist die Rückfahrt nach Europa.
Am 17. Juni 1939 darf die St. Louis in Antwerpen anlegen. Die Passagiere werden auf Großbritannien, Belgien, Frankreich und die Niederlande verteilt. Viele von ihnen geraten nach der Besetzung durch die deutschen Truppen in die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie, werden deportiert und in Konzentrationslagern ermordet.

Passagiere gehen in Hamburg an Bord der MS St. Louis

In dem neuen Projekt von “Aus den Akten auf die Bühne“ wird am Beispiel der Konferenz von Evian der Umgang der Staaten mit Migration und Flucht verhandelt. Zeugnisse der Fahrt der St. Louis und der Schicksale der Geflüchteten werden in der szenischen Lesung zum Sprechen gebracht.

Im Zentrum der Recherchen steht u.a. die Geschichte der Familie Rosenberg aus Bassum, die seit 1936 in Bremen lebte. Im August 1938 scheiterte ihre Flucht nach Argentinien, weil sie keine Einreisepapiere bekamen. Nur Tochter Gertrud (geb. 1919) erhielt im September 1938 ein Visum für die USA. Sie lebte bis zu ihrem Tod in New York. Ihr Vater Siegmund Selig Rosenberg wurde in der Reichspogromnacht verhaftet. Nach seiner Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen versuchte er, auf der St. Louis nach Kuba zu gelangen. Nach der gescheiterten Flucht lebte er in Amsterdam, bis er von den Nationalsozialisten deportiert wurde. Vom Durchgangslager Westerbork führte sein Weg über Theresienstadt nach Auschwitz, wo er 1944 ermordet wurde. Seine Frau Frieda blieb in Bremen und wurde im November 1941 nach Minsk deportiert, wo sie wenig später starb. Über das Schicksal des Sohnes Helmut (geb. 1924) ist wenig bekannt. Sicher ist, dass er 1943 in Auschwitz ermordet wurde.

Gedenktafel an die Passagiere der MS St. Louis im Hamburger Hafen

Zur Geschichte der Familie Rosenberg wird ein Audiowalk mit und für Schüler*innen entstehen, der zu den Stolpersteinen an den Wohnorten der Familie in Bremen und Bassum führen wird. Außerdem werden Workshops speziell für Schulklassen entwickelt.

Das Projekt wird von der Stiftung EVZ (Erinnerung, Verantwortung, Zukunft) gefördert. Die Premiere ist für April 2019 geplant. Die  Aufführungen werden als Livestream online zu sehen sein.