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„Im Lager hat man auch mich zum Verbrecher gemacht“. Margarete Ries: Vom „asozialen“ Häftling in Ravensbrück zum Kapo in Auschwitz

Bremer Hauptbahnhof, 13. Januar 1948: Feiga Berkmann, jüdische Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz, entdeckt ein bekanntes Gesicht. Sie erkennt den Kapo „Gretel“ aus dem KZ und informiert die Bahnhofspolizei. Die Beamten kontrollieren die Frau und verhaften sie – ihr Name ist Margarete Ries. Berkmann wirft der 30-Jährigen vor, häufig Häftlinge misshandelt zu haben. Vier Frauen soll sie sogar getötet haben – darunter Berkmanns ältere Schwester Rosa.

Die amerikanische Militärregierung für Bremen nimmt die Ermittlungen gegen Ries auf. In den Verhören leugnet Ries zunächst jemals im Konzentrationslager gewesen zu sein. Später gibt sie ihre Tätigkeit als Kapo zu. Die Kapos waren sogenannte Funktionshäftlinge: Selbst inhaftiert, wurden sie von der SS ernannt und bildeten die unterste Stufe des Bewachungssystems der Lager. Sie überwachten unter anderem Arbeitskommandos. Dies tat auch Ries.

Seit 1939 ist sie inhaftiert, zunächst im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Im Oktober 1942 kommt sie nach Auschwitz. Sie war als ‚Asoziale‘ interniert. Unter diesen Begriff fielen alle, die nicht den Vorstellungen  der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft entsprachen. Ries wurde neben Diebstahl auch „Arbeitsscheu“ und ein  „liederlicher Lebenswandel“ zur Last gelegt. Die ‚Asozialen‘ mussten in den Lagern häufig extrem anstrengende Arbeit verrichten. Ries macht die Erfahrungen in den Lagern später für ihre Taten verantwortlich: „Im Lager hat man auch mich zum Verbrecher gemacht“, sagt sie in einem Verhör im Februar 1948. „Tagtäglich sah ich nur die allergemeinsten Verbrechen, ich habe sie fast tagtäglich am eigenen Körper erdulden müssen und so bin ich zu meinen Taten gekommen. Wir waren keine Menschen mehr, sondern nur noch Nummern.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebt Ries in Magdeburg, bis sie an jenem Tag im Januar  in Bremen verhaftet wird. Für die amerikanische Militärregierung hat der Fall einen hohen Stellenwert. „Wochenlang haben wir uns mit diesem Thema befasst und in stundenlangen Diskussionen uns mit den Tatsachen und deren Ursachen auseinandergesetzt“, schreibt der Chief Investigator Alfred Göbel in einem Bericht. Ries wird Mitte 1949 vor einer Bremer Spruchkammer entnazifiziert, die sie als „nicht betroffen“ einstuft. Der Ankläger hatte die Einstufung in die höchste Kategorie der „Hauptschuldigen“ gefordert.

„Der Fall Margarete Ries zeigt eindringlich das Nebeneinander und die Vermischung von Opfer- und Täter-Sein eines Kapos. Deshalb haben wir ihn für eine eigene Lesung ausgewählt“, sagt Eva Schöck-Quinteros, Leiterin des Projekts „Aus den Akten auf die Bühne“ an der Universität Bremen. Bei den Recherchen zur letzten Lesung „Was verstehen wir Frauen auch von Politik“ waren die Studierenden auf den Fall Ries gestoßen. „Die Dokumente zeigen ein vielschichtiges Bild von Ries“, sagt Studentin Frederike Buda. „Die heutige Generation fragt sich, ob sie nicht doch Handlungsspielräume gehabt hätte. Aber das ist eine Frage, die schwierig zu beantworten ist“.

Schauspieler der bremer shakespeare company lesen im Haus des Reichs am Rudolf-Hilferding-Platz aus den Akten zum Fall Ries. Im Haus des Reichs hatte die amerikanische Militärregierung ihren Sitz; hier wurde Ries verhört. Heute ist es der Sitz der Senatorin für Finanzen.

„Im Lager hat man auch mich zum Verbrecher gemacht“ ist eine Lesung aus der bundesweit einmaligen Projektreihe „Aus den Akten auf die Bühne“ der Universität Bremen in Zusammenarbeit mit der bremer shakespeare company.