taz

Strategisch doof

GESCHICHTE Wie Frauen sich entnazifizieren ließen, zeigt jetzt eine szenische Lesung am Landgericht

Heldinnen des Alltags und Trümmerfrauen – in der Nachkriegszeit erscheinen Frauen meist als positive Figuren. Doch waren sie wirklich bloß unschuldige Witwen und Mütter, ohne Anteil am Grauen des NS-Regimes? Nicht unbedingt, zeigt eine szenischen Lesung, die Studierende der Bremer Universität konzipiert haben. Im Schwurgerichtsaal des Bremer Landesgerichts lasen am Montag SchauspielerInnen der Shakespeare Company erstmals aus Akten weiblicher Angeklagten in Bremer Entnazifizierungsprozessen in den 1940er Jahren.
Die Forschung zeigt bislang wenig Interesse an der Entnazifizierung von Frauen. „Es gibt eine Dissertation dazu und einige wenige Aufsätze“, sagt Eva Schöck-Quinteros von der Uni Bremen. Die Historikerin hat mit den Studierenden die Dokumente aufbereitet.
Anders als Männer hatten Frauen gute Chancen, einen Persilschein zu bekommen – „wenn sie einem bestimmten Bild der Weiblichkeit gefolgt sind“, so Schöck-Quinteros. Nichts gewusst zu haben, sei eine weibliche Verteidigungsstrategie gewesen. „Dabei haben Frauen zum Funktionieren des NS-Apparates beigetragen, auch wenn sie nicht am Schalthebel der Macht saßen“, sagt die Historikerin. „Sie haben fleißig mitgemacht.“
Dass Frauen nicht nur Witwen und Mütter, sondern auch glühende Nationalsozialistinnen sein konnten, zeigt der Fall Johanne Eilers. „Für sein Vaterland muss man alles hingeben können“, schreibt die Witwe, die zwei ihrer Söhne verlor, Anfang der 1940er an ihren Ortsgruppenleiter. Wenig später leitet sie durch einen Beschwerdebrief die Verhaftung eines Nachbarn in die Wege, wegen wehrzersetzender Äußerungen. Sie wird später als Hauptschuldige verurteilt.
Über zwei Stunden dauert die Lesung, viel Amtsdeutsch inklusive. Auch den Initiatoren bereitete die Materialfülle Probleme. Nur vier von fünf geplanten Fällen kommen auf die Bühne: schwere Kost, ganz wie das Thema. JULIA ROTENBERGER