Lebendiger Geschichtsunterricht (Weser Kurier)

Lebendiger Geschichtsunterricht

Bremen zwischen Hurra-Patriotismus und Pogromstimmung: Im Theater am Leibnizplatz steht heute wieder die szenische Lesung „Eine Stadt im Krieg – Bremen 1914-1918“ auf dem Programm. Geschichtsvermittlung, unter der Leitung von Eva Schöck-Quinteros von Bremer Studierenden erarbeitet, wie sie lebendiger kaum sein könnte.

VON SIGRID SCHUER

Neustadt. „Wer sich schnell über Bremen im Ersten Weltkrieg informieren möchte und im Internet auf die ’Kleine Bremer Chronik’ stößt, herausgegeben vom Senat der Freien Hansestadt, wird verblüfft feststellen, das es für Bremen den Ersten Weltkrieg offenbar nicht gegeben hat“, sagt Eva Schöck-Quinteros. Und das, obwohl das Thema aktueller denn je ist, jährt sich doch der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Die promovierte Historikerin kooperiert mit ihren Studierenden des Instituts für Geschichtswissenschaft der Universität Bremen seit 2007 mit der Bremer Shakespeare Company. Das Konzept „Aus den Akten auf die Bühne“, das sie gemeinsam mit Peter Lüchinger erarbeitet hat, ist zu einem vollen, gleich mehrfach preisgekrönten Erfolg geworden.

Fünf verschiedene Fallstudien haben die Studierenden von Eva Schöck-Quinteros inzwischen recherchiert, die von den Schauspielern der Bremer Shakespeare Company auf die Bühne gebracht wurden. In der sechsten Ausgabe des Projektes, das so in Europa einmalig ist, beschäftigen sich die rund 20 Studierenden, ihre Dozentin und die Akteure der Shakespeare Company erstmals mit einer ganzen historischen Phase. „Eine Stadt im Krieg – Bremen 1914-1918“, so der Titel der szenischen Lesung und des von den Studierenden erarbeiteten, umfangreichen Begleitbandes, hatte jetzt im Theater am Leibnizplatz Premiere. Regisseur Peter Lüchinger hat aus rund 800 bis 1000 Seiten Aktenmaterial ein beklemmendes Stück Zeitgeschichte zusammengeschnitten.

Der Abend endet mit der Aussage einer unbelehrbaren Bremerin, die sich am 2. Januar 1919 darüber empört, dass die Arbeiter- und Soldatenräte das Infanterie-Regiment Nr. 75 entwaffnet haben und die sich sehnlichst „einen Mann wie Bismarck“ wünscht, „der die Zügel ergreift“. Ein Wunsch, der nur 14 Jahre später auf fatale Weise in Erfüllung gehen wird. „Peter Lüchinger hat es sehr genau auf den Punkt gebracht, als er sagte, dass der Zweite bereits im Ersten Weltkrieg begründet liegt“, sagt Eva Schöck-Quinteros.

In der szenischen Lesung wird auf spannende Art dokumentiert, dass all das, was Deutschland im nationalsozialistischen Regime endgültig in den moralischen Abgrund stürzte, bereits im Ersten Weltkrieg vorhanden war: Hurra-Patriotismus und Pogromstimmung, gepaart mit der verblendeten Überzeugung, dass „Deutschland das auserwählte Volk Gottes sei“, so die Bremerin, aus deren Kriegstagebüchern Theresa Rose liest. Da nutzten auch die Friedens-Appelle der Bremer Bürgerzeitung und die Protest-Kundgebungen der Bremer Arbeiterschaft nichts. Die Stimmung ist aufgeheizt, 1914 werden am Bahnhof deutsche Reservisten und Offiziere als russische Spione bezichtigt und fallen beinahe der Lynchjustiz zum Opfer. Die Pogromstimmung macht selbst nicht vor dem Bremer Stadttheater Halt, dort kündigt Direktor Hofrat Julius Otto dem russischen Tenor Juan Spivak 1914 das Engagement. Die Briefe, die theaterbegeisterte, sogenannte Kulturmenschen, an Otto schreiben, lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Wenn Sie diese Bestie auftreten lassen, wird es einen Theaterskandal ersten Ranges geben!“ und: „Die aus feindlichen Ländern stammenden Mitglieder müssen hier verschwinden!“

Elend der Frontsoldaten spürbar

Wie stark das Publikum durch Schöck-Quinteros’ Ansatz der „Public history“, also der populären Geschichtsvermittlung an Menschen, die nicht studiert haben, in die damaligen Geschehnisse hineingezogen wird, macht das Schicksal des Arbeiterehepaares Anna und Robert Pöhland besonders deutlich, dass immer wieder hofft, sich eines Tages vielleicht doch wiedersehen zu können. In den von Markus Seuß vorgetragenen Briefen wird das ganze Elend der Frontsoldaten spürbar. „Dieser wahnsinnige Krieg. Wir haben Belgien und Frankreich verwüstet. So gerecht geht es zu in dieser herrliche Welt“, schreibt Robert sarkastisch. Erschütternd, wie er in seinen Briefen von der Front seinen Sohn darauf einschwört, die Pflichten des Familienoberhauptes zu übernehmen, wenn er fallen sollte. Denn schließlich ist alles Hoffen und Bangen am Ende doch vergebens, Petra-Janina Schultz sitzt als Roberts Frau Anna wie versteinert da, als ihr die Todesnachricht übermittelt wird.

„Eine Stadt im Krieg – Bremen 1914-18“, ist am heutigen Donnerstag, 11. April, um 19.30 Uhr zu sehen. Weitere Aufführungen : Am Montag, 15. April, und am Mittwoch, 29. Mai. Weitere Informationen unter www.shakespeare-company.com und unter Telefon 500222. Die Studierenden laden zudem am Freitag, 12. April, von 11 bis 18 Uhr zu einem Workshop ins Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4-5 ein. Anmeldung unter esq@uni-bremen.de.

Quelle: http://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/bremen-sued/neustadt_artikel,-Lebendiger-Geschichtsunterricht-_arid,543338.html