Die Welt

 

Theater im Schwurgerichtssaal

Bremer Bühne zeigt Stück über Entnazifizierung von Frauen
Einmaliges Projekt von Shakespeare Company und Studenten begeistert Publikum

Schwaches Abendlicht fällt durch die langen Bogenfenster, die meterhohen Wände sind mit massivem Eichenholz und verspielten Ornamenten verkleidet. Der Schwurgerichtssaal im Bremer Landgericht wirkt bedrohlich. Der historische Saal, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Prozesse geführt worden sind, ist an diesem Abend Kulisse für eine Inszenierung von historischen Fällen.
Johanne Eilers sitzt am 14. März 1946 als Angeklagte in der Spruchkammer. Sie soll einen gewissen Georg Meyer denunziert haben, der daraufhin hingerichtet worden ist. „Bitte äußern Sie sich zu dem Vorwurf“, die Worte der Spruchkammer hallen durch den Saal. Eilers beteuert ihre Unschuld, sagt, sie habe den Denunziationsbrief nicht verfasst. Auch der NSDAP sei sie nur beigetreten, weil sie zu einer Rentenversorgung kommen wollte. Das Urteil der Spruchkammer: „Die Betroffene ist Hauptschuldige und verbleibt weiterhin in Haft“. In einem Berufungsverfahren am 16. November 1950 wird sie aufgrund einer schweren Krankheit aus dem Arbeitslager entlassen. Was an diesem Montagabend nur Theater ist, hat sich in den Jahren nach dem Dritten Reich so zugetragen. Unter dem Titel „Was verstehen wir Frauen auch von Politik?“ bringen die Bremer Shakespeare Company und Studierende der Geschichtswissenschaft an der Universität Bremen einige solcher Gerichtsfälle auf die Bühne. Seit 2007 inszenieren die Theatermacher Lesungen auf der Basis von Originaldokumenten.
Ein Jahr lang recherchierten die Studierenden im Staatsarchiv, wählten die Fälle aus und transkribierten nicht nur personenbezogene Akten, sondern auch alte Akten des Senats und des „Office of Military Government, United States“ – der amerikanischen Militärregierung. „Die Akten waren meist 20 Zentimeter dick“, sagt Eva Schöck-Quinteros vom Institut für Geschichtswissenschaft an der Bremer Universität. Peter Lüchinger von der Bremer Shakespeare Company hat das Material überarbeitet. Es handle sich dabei um ein heikles Thema, das bisher wenig Aufmerksamkeit erfahren habe, sagt er.
Das Publikum klatscht am Ende der Premiere Beifall. Bis zum 22. November sind acht weitere Aufführungen des bundesweit einmaligen Projekts im Bremer Schwurgerichtssaal geplant, darunter auch ein Gastspiel in Köln. Lni